Geschichtliches

 

Chronik des CSD Regensburg   |   Die Entstehung des Christopher Street Days

 

Die Entstehung des Christopher Street Days
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Teil 3 - Der Gedanke trägt Früchte

Die konservativen Homophilen-Organisationen sind schockiert. Es nützt nichts, sie werden zu Statisten in der folgenden Entwicklung. Sie müssen ihre Führung abgeben an entschlossenere Kräfte, die lautstark fordern: „Kommt raus aus den Verstecken, rein in die Straßen!“ Und dies geschieht bald aufs neue.

Am Sonntag, den 27. Juli1969 ziehen rund vierhundert Lesben und Schwule durch die Straßen von New York. „Wir wollen keine Toleranz, verdammt noch mal! Wir wollen Respekt! Wir haben die Schnauze voll, uns in schummrigen Bars hinter Mafia-Türstehern zu verstecken. Wir werden dahin gehen, wo die Heteros auch hingehen, und all das miteinander machen, was andere auch tun. Und wenn ihnen das nicht paßt, well, fuck them! Heteros brauchen sich für nichts zu schämen, was sie in der Öffentlichkeit machen, ebensowenig brauchen wir es. Jetzt ist Schluß mit Bitten und Betteln!“ Ein neues Bewußtsein ist geboren: Gay Pride - schwuler Stolz

Noch in der Woche nach den Stonewall-Ereignissen wird die „Gay Liberation Front“ (GLF) gegründet. Der Name ist abgeleitet von der „Nationalen Befreiungsfront Vietnams“ und drückt eine enge Verbundenheit mit dem Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die USA aus. Dasselbe gilt für die Parole Gay Power - bekanntlich ist die Parole der Schwarzen Amerikas in jenen Jahren „Black Power“. Die GLF sieht sich als Teil einer großen Bewegung gegen Unterdrückung an, Unterdrückung von Schwarzen, von Frauen, von Indianern und von Hippies.

Untergruppen bilden sich, die Öffentlichkeitsarbeit, Straßentheater, Medienarbeit und so weiter übernehmen. Die erste New Yorker Schwulenzeitung erscheint. Parteien-Vertreter werden öffentlich zu ihrer Haltung den Homosexuellen gegenüber befragt, Zeitungsredaktionen wegen diskriminierender Artikel gestürmt. Bei einer festlichen Veranstaltung in der berühmten Radio Music Hall drängen sich einige Schwule ans Mikrofon, als gerade Oberbürgermeister Lindsey eine Rede hält. Gleichzeitig schmeißen die anderen vom Balkon aus Hunderte von Flugblättern auf das erlauchte Publikum. Ein andermal dringen welche in das Büro des Oberbürgermeisters ein, ketten sich mit Handschellen an dessen Schreibtisch, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. Sie müssen erst losgesägt werden, bevor die Polizei sie verhaften kann.

Weitere Gruppen entstehen, der Zulauf ist gewaltig. Im Juni 1970, zum ersten Jahrestag der Vorfälle im Stonewall Inn, demonstrieren fünftausend homosexuelle Männer und Frauen in New York. Sie fordern alle Schwulen und Lesben auf, das Versteckspiel aufzugeben und offen für das Recht auf Homosexualität einzutreten.

Nach diesem zweiten großen öffentlichen Auftreten entwickelt sich die Schwulen- und Lesbenbewegung immer stärker. Im Juni 1971 gibt es schon über einhundert homosexuelle Aktionsgruppen in den USA. Die Gruppen sind nicht nur Kampforganisationen, sondern bieten eine bis dahin unbekannte Möglichkeit, sich gegenseitig besser kennenzulernen. Es wird gefeiert, in Selbsterfahrungsgruppen über die persönlichen Probleme gesprochen und erstmals auf eine Art und Weise zu anderen Homosexuellen Kontakt aufgenommen, die offener und vertrauensvoller ist als sonst üblich in der Subkultur.