Aus dem Leben von queeren Menschen

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Tag 1: L - Lesben
Geschichten - Erfahrungen - Selbstfindungen

Interviews presented by Jung & Gleich e.V.

Wir vom Verein Jung & Gleich e.V. wollten euch ein erfrischendes Interview von LGBTQ*-Menschen aus der Region präsentieren, dass euch einfach nur unterhalten will. Viel Spaß beim Lesen und vielleicht wollt ihr uns einige diese Fragen auch beantworten, dann könnt ihr die Antworten gerne auf unsere Social-Media-Kanälen posten. Wir freuen uns auf eure Antworten!

Instagram: @junggleich; @csd_regensburg
Facebook: Jung und Gleich e.V.; CSD Regensburg



Folgende Fragen haben wir unseren Interview-Teilnehmerinnen gestellt:

1. Wärst du, wenn Corona nicht dazwischen gekommen wäre, diesen Sommer zum CSD Regensburg gegangen?
2. Seit dem Jahr 2017 ist es schwulen/lesbischen Paaren erlaubt zu heiraten. Denkst du daran von diesem Recht mit dem richtigen Menschen Gebrauch zu machen?
3. Welche queere Freizeitangebote/Gruppen/Aktivitäten kennst du in Regensburg?
4. Welche Freizeitangebote/Aktivitäten vermisst du in Regensburg?
5. Hast du eine schöne Erinnerung an die vergangenen CSDs in Regensburg?
6. Welches blöde Vorurteil/Fragen in Bezug auf deine LGBTQ*-Identität kannst du nicht mehr hören?
7. Was wünschst du dir vom nächsten realen CSD in Regensburg?
8. Fühlst du dich LGBTQ*-Community wohl?
9. Was würdest du deinem 16-jährigen Ich sagen?
10. Was ist dein liebster (Flach-)Witz?
11. Hast du eine coole/witzige Coming-Out Story?

 

Anna, 24 Jahre, Sozialpädagogin, Regensburg

1. Ja, ich wäre definitiv zum CSD gegangen, da ich beim Stand von „Jung & Gleich e.V.“ mitgeholfen hätte.
2. Solange man nur Kinder adoptieren kann, wenn eine rechtliche Bindung zu meiner Partnerin vorhanden sein muss: Ja. Ansonsten wäre ich mir noch nicht sicher. Aber jetzt mal ehrlich: Das Abstammungsrecht muss geändert werden!
3. Ich kenne den Jung & Gleich e.V. mit seinen beiden Gruppen, Resi e.V., Trans-Ident e.V., AK Queer, Bine, Dyke Club. Aktivitäten: CSD Regensburg, Gesellschaft macht Geschlecht*-Tage, den Gayday im Scala. Das ist mir jetzt so auf die Schnelle eingefallen.
4. Nice to have wär natürlich eine Szenebar.
5. Die lockere Atmosphäre fand ich immer schon ansprechend.
6. Klassische Frage: Wer von euch ist denn der Mann und wer die Frau?
7. Ich wünsche mir bessere Musik/Bühnenprogramm.
8. Ich fühle mich in der Community wohl, da sie meinen Freundeskreis teilweise beinhaltet.
9. Scheiß da nix dann fehlt dir nix!
10. Rollt eine Kugel um die Ecke und fällt um.
11. Ohja, meine Tante war an meinem Comingout so interessiert und begeistert, dass sie mich mit so vielen Fragen löcherte, dass das Gulasch auf dem Herd leicht anbrannte und die versammelte Familie musste aromatisiertes Gulasch essen. Dies hält mir meine Familie bis heute vor. ;)

Franzi, 26 Jahre, Ergotherapeutin, Dingolfing

1. Ganz ehrlich, ich weiß nicht. Wahrscheinlich. Vielleicht. Gut möglich
2. Selbstverständlich!
3. Ich kenne den Jung&Gleich e.V. Stammtisch. Disco … Ansonsten leider nichts mehr.
5. Keine direkte Erinnerung, aber diese generelle Stimmung am CSD ist jedes Mal ein Besuch wert.
6. Was? Wirklich? Das hätte ich ja nie gedacht!
7. Das er genau so ist wie jedes Mal!
8. Absolut. Warum? Weil es weniger Vorurteile untereinander gibt. Es gibt einem einfach die Freiheit man selbst zu sein.
9. Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. Andere Mütter haben auch schöne Töchter. ;)
10. Was ist grün und fliegt durch den Wald? Ein Rudel Gurken.
11. Ich arbeite seit zwei Jahren in einem Krankenhaus und gehe dort mit meiner sexuellen Orientierung offen um. Mit einer meiner engsten Arbeitskolleginnen gab es kürzlich eine witzige Story. Durch Zufall kamen wir auf meine Exfreundin zu sprechen. Meine Arbeitskollegin kennt meine Exfreundin auch, da sie nicht weit auseinander wohnen. Sie fragte mich woher ich sie kenne, meine Antwort: Das ist meine Exfreundin. Sie: Hä? Sie steht doch auf Frauen? Ich so: Ja?! Es dauerte eine geschlagene Ewigkeit, bis endlich der Groschen gefallen ist. Ihr Gesicht war unbezahlbar!

"Lena*" (Name geändert) , 33 Jahre, Regensburg

1. Klar doch.
2. Sicherlich irgendwann ;)
3. Les gos, Partys, Scala, Querstreifen.
4. Vielleicht mehr Sportaktivitäten und kulturelle Zusammenkünfte.
6. Das altbekannte Thema: Wer ist bei euch der Mann?
7. Mehr Vielfalt! Mehr! MEHR! Bessere Musik, besseres Bühnenprogramm, vegetarisches Essen, interaktivere Stände.
8. Definitiv ja! Weil man merkt, dass man mit Gleichgesinnte über spezifische Themen vorurteilsfrei reden kann.
9. Steh zu dem was du bist. Warte nicht damit!
11. Mein Coming-Out gegenüber meiner Schwester. Ich hab ewig rumgedrückt und als ich es endlich losgeworden bin war ihr erster Kommentar: Endlich sagst dus!

"Tanja*" (Name geändert) , 30 Jahre, Regensburg

1. Ja, freilich.
2. Ja, freilich.
3. J&G + Jugendgruppe, Resi, Scala, Quersteifen.
4. So eine richtige LGBTQ*-Bar.
5. Ich fands ziemlich cool als die Statue im Brunnen am Haidplatz nicht mehr ihr Schwert sondern die Regenbogenfahne in der Hand hielt.
6. Wer ist jetzt bei euch der Mann? Oder anders formuliert: Man merkt schon, dass du der Mann bist.
7. Dass die Parade üppiger wird und dass es endlich vegetarisches/veganes Essen gibt.
8. Ja, weil es schön ist unter Gleichgesinnten zu sein und weil wir alle einen besonderen Schlag haben. Es ist einfach lässig.
9. Lass das mit den Männern, das wird eh nichts.
10. Treffen sich zwei Fische, sagt der eine „Hi“. Fragt der andere „Wo?“

Antonia, 24 Jahre, Landshut

1. Ja.
2. Ja!
3. Nur den Jung&Gleich Stammtisch.
4. Kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß, was es noch gibt.
5. Ich war leider noch nicht auf dem Regensburger CSD.
6. Du schaust doch gar nicht danach aus.
7. Ja!
8. Das ich dabei sein kann ;)
9. Hör auf deinen Bauch und denk nicht so viel nach.
10. Nein.

Steffi, 32 Jahre, Kinderpflegerin, Cham

1. Ja, wie jedes Jahr.
2. Ja, schon.
3. So direkt keine.
4. Ich würd gern grillen mit meinen homosexuellen Freunden ;)
5. Ich gehe da jedes Jahr hin um die Leute zu sehen, die man so das ganze Jahr nicht sieht.
6. Du hast noch nie einen richtigen Mann gehabt! Mit einem richtigen Mann wär alles anders.
7. Bessere Musik, mehr Essenauswahl, besseres Bühnenprogramm!
8. Ja, schon. Total!
9. Weniger Alkohol :D
10. Ich weiß keinen Witz, ich habe keinen Humor ;)

Anne, 29 Jahre, Soldatin, Cham

1. Freundin meinte ja.
2. Ja.
3. Gar keine, ich komme nicht aus diesem Gebiet.
4. Ergo dann nichts.
5. Es gab lustige/peinliche Bühnenmomente.
6. Die meisten denken ich wär eine Kampflesbe nur wegen meinen kurzen Haaren.
7. Mehr Party!
8. Ja. :)
9. Genieße dein Leben, nimm mit was geht und lass dich von nichts aufhalten.
10. Googelt „spontan“ einen Flachwitz: Was sitzt auf dem Baum und ruft „Aha“? Ein Uhu mit Sprachfehler. Was sagt man über einen Spanner der gestorben ist? Der ist weg vom Fenster.

Nina, 27 Jahre, Ärztin, Regensburg

1. Ja, weil ich es für eine wichtige Sache halte und der Spaßfaktor nie zu kurz kommt.
2. Ja, auf jeden Fall.
3. Den Jung & Gleich-Stammtisch mit ihrer Jugendgruppe. Immer mal wieder auch der Saturgay im Scala und diverse Feiern.
4. Ich fände ein Szenecafé einfach super.
6. Ich habe Fragen in die Richtung immer als Interesse und damit positiv in Erinnerung.
7. Mehr Programm tagsüber.
8. Ja, grundsätzlich schon.
9. Stress dich nicht, du musst keinen Erwartungen entsprechen.
10. Ich bin kein spontaner Witzeerzähler, sorry! ;)

Ine, 26 Jahre, Laborantin im Kinderwunschzentrum, Regensburg

1. Wahrscheinlich ja, weil es eine Tradition von mir ist.
2. Ja!
3. LG-Stammtisch, AK Queer, Resi e.V., LG-Jugendgruppe.
4. Einen LGBTQ*-Buchclub! Das wäre schön!
5. Meine aktuelle Freundin bekundete mir betrunken ihre Liebe bei der Busfahrt nach Hause. Ich hab dann auch noch eine nüchterne Version eingefordert ;)
6. Ich umgebe mich nicht mit Menschen, welche bescheuerte Vorurteile haben.
7. Dass er stattfindet. ;)
8. Ja, weil da ein Großteil meiner Freunde sind.
9. Scheiß dich nicht so an. Geh einfach raus aus deinem Zimmer und leb dein Leben. Hab keine Angst vor deinem Outing.
10. Wie nennt man einen schlechten Türsteher bei den Wikingern? Lasse Reinström. Ich warte auf Momente wie diesen um den loszuwerden.

Seraphina, 28 Jahre, Elektronikerin, Regensburg

1. Ja, weil ich und mein Freundeskreis vorgehabt haben unseren sexpositiven Stammtisch zu vertreten.
2. Ja, wenn sich die richtige Person findet.
3. Ropejamn, Kuschelabende vom Insidetouch, Sexpositiv-Stammtisch, Stammtisch für Beziehungsvielfalt, Trans-Ident, Transschwimmen von Trans-Ident, Jung & Gleich Stammtisch, Hieb und Stichfest-Stammtisch.
4. Ich bin mit meinen Stammtischen sehr gut ausgelastet. Danke ;)
5. Nein, da ich auf noch keinem war.
6. Du hast da unten immer noch was.
7. Ich lass mich da einfach überraschen.
8. Ja, das was sich bis jetzt in Regensburg erlebt habe auf jeden Fall.
9. Bring dich nicht um!
11. Als ich noch nicht komplett geoutet war und mit meinem Freundeskreis beim Badeweiher schwimmen war bemerkte ein Kumpel von mir: "Boha, du hast ja ganz schöne Brüste!?" Das war ein extrem guter Eisbrecher für das weitere Gespräch ;)

Abi, 33 Jahre, Ingenieurin, Regensburg

1. Ja. Heimspiel, Pflichttermin! Die Urlaubsplanung wurde sogar dafür angepasst.
2. Ja.
3. JG-Stammtisch. Scala Saturgay. Queerstreifen, Queerfilmnacht, Queerstreifen-Festival
4. Die Party vom Dykeclub. Queerbuddyfestival. Die L-Filmnacht. So eine queeres Café/Bar. Frauenpartys mit Romy Schneider in Berlin.
5. Die Cocktailbar vom Dykeclub und als 2007 die Stretchlimo von der M54-Sauna auf der Parade mitfuhr. Zudem wird Regensburg immer etwas Besonderes bleiben, weil es mein erster CSD war.
6. Bist du der Mann oder die Frau? Darf ich mal zuschauen? Darf ich mal mitmachen?
7. Eine hohe Teilnehmerzahl, ein vielfältiges Bühnenprogramm und ein bunt gemischtes Publikum.
8. Ja, weil es einfach Themen in der queeren Lebenswelt gibt, die man besser mit einem queeren Gesprächspartner besprechen kann und in Regensburg gibt es zum Glück viele tolle Menschen*.
9. Scheiß da nix, dann fehlt da nix.
10. Geht ein Zyklop zum Augearzt.
11. Als eine Freundin meinen ehemaligen Kollegen versucht hatte bei einem After-Work-Drinking zu erklären, dass es nicht nur Bienchen und Blümchen gibt sondern auch Bienchen und Bienchen und Blümchen und Blümchen gibt, war der Fremdschämfaktor schon sehr hoch. Und das schallende Gelächter im Anschluss von allen umso lauter.

Schlusswort:

Liebe Interviewleser*innen,

ich hoffe ihr wurdet mit diesem lockeren Interview gut unterhalten und konntet euch an der ein oder anderen Stelle wiederfinden. Dennoch möchte ich nun noch ein paar ernste Worte an euch richten. Wie euch wahrscheinlich aufgefallen ist haben nicht alle Interviewten ihre echten Namen angegeben oder den Beruf oder ein Bild eingestellt. Dies kann natürlich verschiedene Gründe haben, wie zum Beispiel Datenschutz, aber eben auch Angst vor dem unerwünschten Coming-Out bei der Familie, bei Freunden, bei Bekannten oder am Arbeitsplatz. Dies kann sogar soweit führen, dass bei einer Anstellung in einer katholischen Einrichtung die fristlose Kündigung erfolgen kann, wenn sich die Mitarbeiterin* zu ihrer Homosexualität bekennt. Hierbei stellt sich die katholische Kirche wieder einmal über geltende Recht und dies wird auch noch so geduldet! Wie ihr seht ist unser Weg zur vollkommen Gleichberechtigung noch lange nicht abgeschlossen, doch solange wir nicht aufgeben werden wir gaymeinsam jede Hürde Stück für Stück nehmen und alte Denkmuster brechen! Lasst uns einfach nur zusammen füreinander einstehen und uns gegenseitig helfen.
Gemeinsam kommen wir leichter ans Ziel!
Abschließend möchte ich mich für euer Interesse an unserem digitalen CSD Regensburg bedanken und hoffe wir sehen uns mal im Jung & Gleich-Stammtisch und nächstes Jahr am CSD.

Liebe Grüße an die gesamte Community,

Sandra Asbeck
1. Vorsitzende des Vereins "Jung & Gleich e.V."
28 Jahre, Maschinenbautechnikerin, Regensburg


Tag 2: G - Schwule (Gays)
Geschichten - Erfahrungen - Selbstfindungen

Ausschnitte aus Beratungsgesprächen

So wie in diese Gesprächsausschnitten hörten sich viele Aussagen in Beratungsgesprächen in den 80er/90er Jahren im Resi-Zentrum an.

Die befragten Personen sind schon älter. Die Lebensgeschichten haben sich aber kaum geändert. Oder, was denkt Ihr? Wir freuen uns auf eure Antworten!

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anonym

Als ich 1980 eingeschult wurde landete ich mit den Jungs aus meiner Straße, die mich ständig geärgert hatten, in einer Klasse.

In der dritten Klasse muss es gewesen sein, als mir klar wurde: Du bist ein Junge, also mußt du eine Freundin haben. Stefanie war damals die einzige in meiner Klasse, die mir einigermaßen gefiel. Aber alle Versuche, mit ihr eine Freundschaft aufzubauen, schlugen fehl. Viel schlimmer fand ich allerdings, daß Mario, mit dem ich eigentlich viel lieber befreundet gewesen wäre, auch nichts von mir wollte. Erste Anzeichen meiner Homosexualität?

Im Sommer 1984 wechselte ich aufs Gymnasium. Es war eine Möglichkeit, noch einmal von vorne anzufangen, weil ich aus meiner alten Klassengemeinschaft raus war. Anfangs lief das auch ganz gut, und ich fand einen Batzen neuer Freunde. In der siebten Klasse schließlich bin ich einem anderen Jungen näher gekommen - und wie nahe!

Er hieß Herbert und war zwei Jahre älter als ich. Nach der Theater-AG meinte er plötzlich, er hätte was in der Turnhalle vergessen, und fragte mich, ob ich nicht mitkommen wolle. Kaum waren wir hinter dem Schulpavillon, wollte er wissen: "Hast Du einen hoch?" Ich stotterte: "Nein, wieso?" Er meinte nur: "Laß mal sehen." Mein Herz fing an zu rasen - so kam es zu meiner ersten Verführung - was mir auch gefallen hat.

Richtig verwundert aber war ich erst, als mich Rudolf, ein Freund meines Bruders, auf dessen Hochzeitsfeier als Schwuler bezeichnete. Ich war betrunken und wollte von Rudolf, den ich gut kannte, einen Gute-Nacht-Kuss haben. Er gab ihn mir auch, meinte aber dann: "Weißt Du, irgendwie bist Du wirklich schwul!" Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir nie richtig Gedanken darüber gemacht. Ich fing an, meine Interessen und Vorlieben zu studieren und achtete sogar darauf, wem ich auf der Straße hinterher guckte. Zwei Jahre später, mit 14, kam ich schließlich zum Ergebnis: "Eindeutig, ich muss wohl schwul sein..."

Oder noch ein Schnipsel

anonym

Schon als ich klein war,war ich ständig verknallt in Jungs. Mit neun habe ich angefangen mit Selbstbefriedigung. Meine erste Wichsfantasie war der Vater aus der "Flipper"-Serie, den ich total geil fand! Und weil ich das so geil fand, kam es mir auch nicht merkwürdig oder problematisch vor. Mein Kontakt zur "normalen" Jugend war sehr gering. Nie war ich in einer Clique, so fehlten mir einfach andere Maßstäbe. Das Verliebtsein in Jungs fand ich wunderbar! Ich habe immer gelitten, aber das Leiden auch genossen. Es war sehr melancholisch, intensiv, auch die Tatsache, daß es so unerreichbar war.


Tag 3: B - Bi
Geschichten - Erfahrungen - Selbstfindungen

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anonym - Mein Outing

Mein Outing als bisexuell hatte ich mit Mitte 20. Zum Glück hatte ich ein tolerantes soziales Umfeld und so trat ich relativ unbehelligt aus dem Schrank und konnte meine queere Identität willkommen heißen. Ich habe jedoch das Gefühl, dass ich als männlich gelesene Person anders behandelt und in der Gesellschaft wahrgenommen werde als wenn man mich weiblich lesen würde. Wäre mein Outing konfliktreicher verlaufen, wenn ich homosexuell wäre? ‚Immerhin‘ stehe ich ja noch auf Frauen. Also nur halb so schlimm? Werden weiblich gelesene Bisexuelle anders wahrgenommen, weil sie trotzdem noch in die Begehrlichkeiten einer von Männern dominierten heteronormativen Gesellschaft passen? Solche Fragen habe ich mir manchmal schon gestellt.

Trotzdem war ich zufrieden und erleichtert mit meiner neuen Identität. Ein Bekannter von mir (ebenfalls bisexuell) drückte dieses neue Gefühl in etwa so aus: „Du kannst jetzt an beiden Ufern fischen. Doppelte Auswahl!“ Ich fühlte mich freier, bis ich meine ersten Erfahrungen mit Homophobie machte. Ich lief Hand in Hand mit einem anderen Mann, den ich Nachts zu einem Date getroffen hatte, durch die Innenstadt. Es war Volksfestzeit und es waren überall Betrunkene. Wir wurden von einer Gruppe junger Männer hart beleidigt und es flog sogar eine Bierflasche, die uns zum Glück jedoch verfehlte. Das werde ich nie vergessen. Sowas hatte ich zuvor nie erlebt, denn ich hatte bisher nur Beziehungen mit Frauen.

Doch auch die eigene "queere Szene" ist nicht so tolerant wie sie oft tut. Als Bi-Person habe ich schon öfter von schwulen Männern zu hören bekommen: "Ha! Du entscheidest dich auch noch für eine Seite." Das ist Mist. Meine Sexualität ist keine Entscheidung! Ich werde ebenfalls oft gefragt ob ich eine Präferenz habe. Ja, die habe ich. Für romantische Beziehungen hatte ich bisher nur weiblich gelesene Menschen und kann es mir auch nur mit ihnen vorstellen. Für sexuelle Beziehungen kommen beide in Frage. Bin ich trotzdem bisexuell? Natürlich! Wer kann das denn sonst bestimmen außer mir?


Tag 4: T - Trans
Geschichten - Erfahrungen - Selbstfindungen

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Outing in der Familie

Ich musste mich bei meinem Vater zweimal outen. Das Erste mal war unangenehm aber ich habe es irgendwie hinbekommen. Ich gab ihm ein Buch zu lesen und dachte er würde die Sachen nachschauen, die er nicht verstand. Ich glaubte ehrlich, dass er versuchen würde mich zu akzeptieren.

Das zweite Mal war furchtbar.
Er schrie mich an.

Ich bin genderqueer bzw non-binary.
Und natürlich kannte mein Vater das nicht, deswegen hatte ich ihm das Buch gegeben.
Zwei Jahre nach unserem ersten Gespräch hatte ich endlich einen Namen gefunden.

Ich war nervös als ich ihn mit meiner Familie teilte, ich glaube tief drinnen wusste ich, dass mein Vater den Namen nicht akzeptieren würde. Trotzdem war es ein Schock als ich ihn sagen hörte "Und auf wie viele Namensänderungen dürfen wir uns einstellen?" Ich hatte meinen Namen gefunden, ich hatte jahrelang gelitten und dann noch ein bisschen mehr und endlich hatte ich meinen Namen. Und dann das. Also habe ich mich ein zweites Mal als Trans geoutet, habe versucht meinen Vater abzuholen und ihm zu erklären wer ich bin. Als er mich dann anschrie, bin ich aufgestanden und gegangen. Fast ein Jahr nach diesem zweiten Coming-out kann er immer noch nicht meinen Namen sagen. Drei Jahre nach meinem ersten und fast ein Jahr nach dem zweiten, haben wir viele Gespräche über Gender hinter uns. Aber er hat immer noch kein Verständnis und keine Akzeptanz. Er glaubt immer noch, dass das nur eine Phase ist. Er glaubt ich hätte eine Psychische Störung und man könnte Trans weg therapieren. Er glaubt, dass ich einfach erwachsen und gesund werden muss und dann würde schon alles wieder gut werden. Drei Jahre nachdem ich das erste mal versucht habe meinem Vater offen zu zeigen wer ich bin, ist er immer noch transphob.

Ich habe eine leise Hoffnung, dass mein Vater eines Tages mich und meine Entscheidungen akzeptieren kann. Aber ich befürchte, dass das nicht passieren wird.

 

Die beste Entscheidung meines Lebens

Ich bin heute, auf den Tag genau, seit 4 Jahren auf Testosteron und habe seit 2 Jahren MEINEN Namen auf meinem Ausweis stehen. Heute bin ich mir selbst unendlich dankbar dafür, dass ich diesen Weg gegangen bin, es war die beste und wichtigste Entscheidung meines Lebens. Ich bin jetzt genau die Person, die ich immer sein wollte.

Mein Weg bis hierhin war nicht einfach. Ich …

  • wurde über 20 Jahre mit einem Namen angesprochen, den ich wirklich gar nicht mag und der eigentlich noch nie zu mir gehört hat.
  • wurde jahrelang misgendert.
  • wurde von meinen Eltern nicht ernst genommen.
  • wurde von LehrerInnen und KollegInnen nicht ernst genommen.
  • musste mir während der Schulzeit jede Woche eine neue Ausrede überlegen um nicht am Schwimmunterricht teilnehmen zu müssen.
  • habe sehr viele Stunden geweint und Wut unterdrückt .
  • musste mir immer wieder klar machen, dass Trans sein keine psychische Störung ist und mit mir alles ok ist.
  • musste vielen ÄrztInnen und TherapeutInnen „meine Situation“ erklären.
  • habe mit über 20 noch mal eine komplette Pubertät mit allem Drum und Dran durchgemacht, inklusive, das war wirklich ein Spaß, Akne und Stimmbruch.
  • habe jahrelang einen einengenden Binder getragen, in dem ich wirklich schlecht atmen konnte.
  • habe jahrelang Schwimmbäder und öffentliche Saunas gemieden, was wirklich ein großes Stück Lebensqualität geraubt hat.
  • musste mir oft die Frage am Telefon anhören, ob ich denn meine eigene Ehefrau sei (wegen meiner damals ziemlich hohen Stimme).
  • musste mich jedes mal wenn ich mit der Karte zahlte oder Post holte rechtfertigen, dass ich sehr wohl die richtige Person bin.
  • wurde immer wieder auf öffentlichen Toiletten darauf hingewiesen, dass ich hier falsch bin (auf beiden Toiletten).
  • musste mir unangemessene und peinliche Fragen von Fremden zu meinem Körper, vor allem zu meinen Genitalien anhören und mir selber dabei immer wieder klar machen, dass ich meinen Körper nicht erklären muss und das wirklich niemanden etwas angeht.
  • musste mich mit nervenaufreibender Bürokratie auseinandersetzen um beim Gericht einen Antrag zu stellen.
  • musste mir stundenlange, sehr anstrengenden Psychotests bei Gutachtern antun.
  • musste den Gutachtern ziemlich unangenehme Fragen zu meiner Sexualität, meinen Familienverhältnissen und meinem Körper beantworten.
  • musste mit einem Richter über „meine Situation“ sprechen.
  • musste über 1500 € an das Gericht zahlen .
  • musste mir selbst auf diesem Weg immer wieder klar machen, dass auch ich eine Daseinsberechtigung auf dieser Welt habe.
Und wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich die Person für die sich dieser ganze Aufwand gelohnt hat.

 

Mein Trans*-Sein und heilkundige Menschen

Ich heiße Tivon, bin 25 und transmännlich. Das heißt, mir wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugesprochen und das entspricht nicht dem, wie ich mich fühle. Es fühlt sich doof an, wenn Menschen mich als Frau ansprechen, sehen oder so behandeln. Aus diesem Grund habe ich mich z.B. bei meinen Freund*innen geoutet – also ihnen gesagt, welches Gechlecht ich habe und wie ich angesprochen werden möchte. Und es fühlt sich voll schön an, mich von Menschen gesehen zu fühlen, ich zu sein, und keine Rolle spielen zu müssen. Es ist aber auch so, dass der Prozess des Outens meist sehr anstrengend ist und Menschen verschieden gut damit umgehen. Intolerantes Verhalten kann dabei sehr verletzend sein. Und naja, es enttäuscht mich und macht mich traurig, wenn ich zeige, wer ich bin und das nicht erst genommen wird, beziehungsweise ich dafür angegriffen werde. So finde ich es manchmal leichter, mich nicht zu outen. So erspare ich mir nämlich negative Erfahrungen und bin nicht enttäuscht, dass ich nicht respektiert werde. Aus diesem Grund ignoriere ich bei öffentlichen Dingen meist mein Trans*-Sein und korrigiere die Menschen nicht, wenn sie mich misgendern - also wenn sie mich als „Frau“ ansprechen.

Ich bin nach einer Knie-OP zu einer Physiotherapie-Praxis gegangen. Ich wurde dort als Herr Bauer begrüßt. Ich habe mich gefreut, richtig gegendert zu werden und dachte mir, dass es entspannt sein könnte, dabei zu bleiben. Dem war leider nicht so.

Als ich zurück gegrüßt habe und die Person dadurch meine Stimme gehört hat, ging sie davon aus, dass sie sich geirrt hatte und ich eine Frau bin. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass Herr schon richtig gewesen ist da ich trans* bin. Diese Person hat anschließend mein Knie behandelt und angefangen lauter Fragen über mein Trans*-Sein zu stellen. Und ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, was sie alles gefragt hat. Ich weiß, dass ich genervt war. Ich hatte keine Lust mich zu unterhalten und wollte einfach nur, dass sie mir wegen meinem Knie hilft. Und ich hoffe, dass ich in Zukunft in solchen Momenten direkt sagen kann, dass ich keine Lust habe über mein Trans*-Sein zu sprechen. In dem Moment wollte ich aber nicht das Bild vermitteln, dass Trans*Menschen unfreundlich sind. Die Person war sehr freundlich und hat sich offen für mein Tran*-Sein interessiert. Aber der Punkt ist, dass meine Identität ein sehr persönliches Thema ist. Und deshalb sollte es nicht für selbstverständlich genommen werden, dass ich von jedem Menschen darüber ausgefragt werden darf. Dem ist nämlich nicht so!

Damit ihr besser versteht, was ich meine, noch ein positives Beispiel. Ich bin zu einer Hausärztin gegangen. Ich war die einzige Person im Wartezimmer. Sie hat mich dort sitzen sehen und mich offensichtlich richtig gelesen, da sie mich mit „Herr Bauer“ aufgerufen hat. Als ich dann zu ihr ins Behandlungszimmer gegangen bin, hat sie gesehen, dass bei meinen Daten ein weiblicher Name steht. Daraufhin hat sie sich entschuldigt, mich falsch gegendert zu haben. Woraufhin ich sie darauf hingewiesen habe, dass Herr schon korrekt war, da ich trans* bin. Dann hat sie freundlich gelächelt und gemeint „Dann habe ich ja alles richtig gemacht.“ und mein Gender war kein Thema mehr. Und wisst ihr was. Das hat sich einfach mega schön angefühlt. Also dass meine Identität zu keinem Thema gemacht wird, wenn es keins ist.

Und jetzt eine Bitte von mir. Wenn du einen Menschen triffst, der zum Beispiel anders gegendert werden möchte, als du erwartet hättest, dann tue das einfach. Und wenn du diesen Menschen unbedingt etwas fragen möchtest, dann frage diesen bitte zuvor, ob das okay ist – um zu zeigen, dass du die Grenzen dieser Person respektierst und es auch voll okay ist, wenn die Person gerade keine persönliche Frage beantworten möchte.

 

Phase der körperlichen Transition (Namen geändert):

Ein ganz „normaler“ Tag….

6 Uhr, der Wecker klingelt. Aufstehen, ins Bad, Zähne Putzen, ich fahre mit der Hand meine Wange auf und ab, spüre ein paar Bartstoppelchen, ich grinse mich an. Jetzt noch das Bärtchen am Kinn genüsslich wegrasieren. Ab zum Anziehen. Erstmal den Binder auf den nackten Oberkörper, den ich morgens Bestmöglichst ignoriere. Über den Binder ein Top. So, ich fühle mich etwas eingeengt aber das nehme ich gerne in Kauf, es fühlt sich richtig an. Danach Kaffee und Frühstück.

7 Uhr: Abfahrt zur Arbeit, im Auto schalte ich das Radio an und singe mit, das hilft meiner Stimme, ein bisschen in Schwung zu kommen und ich genieße die tiefen Töne. Gleichzeitig bekomme ich ein Gefühl dafür, wie sich meine Stimme heute anhört. Ist ja nicht jeden Tag gleich. Ankunft im Büro. Mein Kollege begrüßt mich mit einen freundlichen „Guten Morgen Max“. Ich melde mich am PC an: Benutzer: Franziska P., am Telefon anmelden: Benutzer: Franziska P. Einige E Mails begrüßen mich in der Anrede mit „Sehr geehrte Frau P…“.

Eine E Mail von einer Kolleg*in kommt rein: „Servus Max!“

12 Uhr Mittagspause. Durchatmen, Essen mit drei Kollegen, ich fühle mich wohl unter den Männern, bin einer von ihnen. Danach vorbei an den Bauarbeitern, ein paar Blicke, aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Dann noch richtig Durchatmen, ich selbst sein, Augen zu, auf dem Rücken liegend und ein bisschen Tagträumen. Ich genieße die in dieser Position relativ flache Brust und vielleicht noch ein Selfie im Grünen bevor es wieder ins Büro geht.

17 Uhr: Dienstschluss, ich habe noch ein bisschen was zu erledigen. Ich fahre in unseren kleinen Stadtplatz meines Heimatortes, insgesamt 6000 Einwohner. Mit Mund-Nasen-Schutz gehe ich zur Postfiliale, hole ein Päckchen ab, das auf „Max P.“ adressiert ist, kleiner Smalltalk. Die Mitarbeiter*in erkennt mich nicht mit meiner dunkleren Stimme. Sie kennt mich nur als „Franziska“, verlangt meinen Ausweis. Ich oute mich, sie entschuldigt sich tausendmal, muss sie ja gar nicht. Ich bin aufgeregt, freu mich aber, dass ich wieder einen Schritt geschafft habe.

So noch kurz Tanken. Ich werde mit „Grüß Gott“ begrüßt, obwohl ich immer per „Du“ war, aber vermutlich hat die Kassierer*in mich nicht erkannt. Ich belasse es heute dabei. Am Parkplatz sieht mich eine frühere Arbeitskollegin – „ach, hallo Franziska…„ Ich oute mich nicht. Keine Kraft mehr, fühle mich unwohl dabei und versuche, schnell wegzukommen.

So, jetzt aber heim, in die sichere Höhle. Ich schlafe erstmal, danach sieht die Welt wieder anders aus.

19 Uhr: Ich nehme mein Handy in die Hand und freue mich, mit lieben Menschen zu schreiben, die meine Nummer schon längst unter „Max“ gespeichert haben und wo meine Transidentität heute kein Thema mehr sein wird.


Tag 5: Q - Queers
Geschichten - Erfahrungen - Selbstfindungen

Vielleicht wollt ihr uns einige dieser Fragen auch auf einem unserer Social Media-Kanälen beantworten. Wir freuen uns auf eure Antworten!

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Letter to the World

I hope one day we will all live as equals. And only judge each other by our personalities.
I hope that my baby boy will live in a world where he can wear whatever he is comfortable with and have as long hair as he wants without people questioning him.
I hope that one day we will have a world where we don’t put labels on our children as soon as they are born. But let them decide for themselves who they want to be.
I dream of a day that the world will live in peace and everyone will treat everyone with kindness.

From a genderqueer parent

 

An meine Oma

Sonntag, 13. Oktober 2019

Liebe Oma,
ich schreibe dir, weil du am Freitag etwas zu mir gesagt hast, das mich nicht loslässt. Als ich dir erzählt habe, dass mich der Anschlag auf die Synagoge in Halle belastet, mir Angst macht, hast du gesagt, ich würde das vielleicht zu sehr auf mich beziehen. Das hat mir ziemlich weh getan, weil es schließlich mein Gefühl ist, das ich in dem Moment nicht bewertet oder weggeredet haben wollte. Aber ich glaube, es zeigt auch ein grundlegendes Missverständnis zwischen uns auf: nämlich, dass du offenbar denkst, ich wäre von so einem Menschen nicht gefährdet oder dass du findest, ich wäre nicht zuständig (und du auch nicht). Ich will dir schreiben, warum ich beides für ein Missverständnis halte.

Ich bin nicht jüdischen Glaubens und eher selten in Synagogen anzutreffen, aber meine Freunde und ich sind Teil von Gruppen, die dieser Mann und Andere wie er so sehr hassen, dass sie uns umbringen wollen. [Ich bin nicht heterosexuell, auch wenn ich Beziehungen zu Männern hatte, ich bin Feministin, ich lebe.] Manche meiner Freunde sind jüdisch (oder ihre Familienangehörige waren es), manche sind muslimisch. Manche meiner Freunde haben eine dunklere Haut als die meisten hier, oder schwarze Korkenzieherlocken. Manche sind für die meisten Leute nicht eindeutig Mann oder Frau und viele von uns würden auf die Frage nach dem Geschlecht gar nicht antworten. Auf manche von uns passen zwei oder drei der Beschreibungen oben. Manche haben einen Akzent in ihrem Deutsch. Meine Freunde sind fast alle schwul oder lesbisch oder bisexuell, falls sie ihrer Liebe einen Namen geben wollen. Manche von uns können in der Menge unsichtbar werden, wenn sie müssen, andere nicht. Wir sind fast alle schon beleidigt oder gejagt oder verprügelt worden, weil andere meinten, uns als eins dieser Dinge zu identifizieren und fanden, wir wären unserer Menschenwürde und ihres Anstands nicht wert.

Wie kann ich mich da nicht gemeint fühlen? Warum gibt es angeblich keinen Grund für mich, Angst zu haben? Selbst wenn ich selbst unsichtbar werden kann und bisher "nur" beleidigt wurde: diese meine Freunde und Partnerinnen sind mein ganzes soziales Leben, sind die Menschen, mit denen ich lebe, arbeite, einschlafe, aufwache, mit denen ich koche und Wäsche wasche, lache und weine. Es sind die Menschen, die ich liebe und die mich lieben. Wie kann ich da keine Angst um mich und um sie haben?

Ich habe außerdem drei Jahre lang als Vorstand des Lesben- und Schwulenverbands gearbeitet. Ich war öffentlich sichtbar als jemand, der sich für eine ausgegrenzte Gruppe einsetzt. Ich habe auf Marktplätzen und keine 500m von Naziaufmärschen gestanden und skeptischen Menschen erklärt, dass es in Ordnung ist, wenn zwei schwule Männer heiraten. Ich habe mit christlichen Fundamentalisten geredet, die mir erklären wollten, ich würde von Gott bestraft werden und meine Freunde und ich sollten zwangstherapiert werden.

Wie kann ich mich da nicht von einem rechten Mörder bedroht fühlen?

Liebe Oma, heute ist der 7. Juni 2020. Ich habe lange an diesem Brief geschrieben, habe oft Passagen gestrichen und neu geschrieben. Ich weiß nicht genau, wie er bei dir ankommen wird. Es ist nicht meine Absicht, dich zu verletzen oder dich zu irgendwas zu zwingen. Ich kann nur einfach nicht mehr so tun, als würden mir solche Worte wie deine nicht wehtun, als würde ich mich nicht von dir nur halb akzeptiert fühlen, als hätte ich nicht den Eindruck, du würdest einen Teil meines Lebens am liebsten streichen.

Bitte, wenn ich dir das nächste Mal sage, dass ich Angst habe, frag mich, warum. Wir leben in verschiedenen Welten und ich erwarte nicht, dass du alle meine Umstände und Gedanken kennst, aber ich möchte, dass du eben auch nicht annimmst, dass du das könntest. Wenn du willst, dass wir miteinander sprechen, frag mich, so wie ich dich frage.

Dein Enkelkind